Quelle: Caprica City
Zum letzten Mal hat sich Maureen Ryan von der Online-Ausgabe der Chicago Tribune mit dem Drehbuchautor der aktuellen Folge von "Battlestar Galactica" unterhalten und wichtige Fragen gestellt, die auch die Fans beschäftigen.
Ron Moore, der Drehbuchautor von "Islanded in a Stream of Stars" und Produzent der Serie, hat sich mit ihr unterhalten und stand ihr für Fragen und Antworten zur Verfügung.
Vorsicht vor
massiven Spoilern zur letzten Folge!
Maureen Ryan: Ich glaube, das, was mich wirklich vom Finale überzeugt, war, dass es Hoffnung gibt.
Ron Moore: [Er lacht] Ich glaube, es gab einige Leute, die sich auf das nihilistischste Finale aller Zeiten vorbereitet haben.
Maureen Ryan: ''Es werden alle sterben, richtig?''
Ron Moore: Ich weiß.
Maureen Ryan: Das ist die totale Überraschung - dass die Serie mit einer hoffnungsvollen Aussicht endet.
Ron Moore: Ja, das stimmt. Das ist die finale Wendung - dass alles gut wird.
Maureen Ryan: Ich würde gerne über die Sache mit der zweiten Erde reden. Als ich das sah, musste ich erstmal inne halten.
Ron Moore: Das wurde in die Serie geschrieben, als wir beschlossen haben, die Erde zu erreichen. Das war schon immer der Plan - zur Erde zu gelangen, zu sehen, dass sie in Trümmern liegt und dann zu überlegen, wo um Gottes willen man jetzt hin soll. Wir wollten die Zuschauen auf diese weitere Reise mitnehmen und sie die Erde vergessen lassen, sie sollten nicht daran denken. Denn das Konzept der Serie war einen Ort zu finden, den man Erde nennen kann.
Wir wollten das den Zuschauern also präsentieren, bevor sie überhaupt damit rechnen und damit einen Tiefpunkt kreieren, so dass die Leute denken, ''Oh nein, und was jetzt?''. Die Zuschauer sind abgelenkt. Wir wollten die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Charaktere lenken, so dass sie nicht mehr damit rechnen, dass noch irgendetwas positives passieren würde.
Und ganz am Ende, im letzten Augenblick, einen Moment der Hoffnung zu haben, etwas, an das man sich klammern kann, etwas, das ihnen gibt wonach sie so lange gesucht haben, und nicht nur ihnen, auch den Zuschauern.
Maureen Ryan: Und so ist die Erde also eine Hommage an die andere Erde, die erste.
Ron Moore: Ich fand das interessant. Das ist nicht die Original-Erde. Wir leben sozusagen auf einer Hommage an die Erde. Sie kamen her und wollten versuchen, eine Lektion von den Geschehnissen auf der Original-Erde zu lernen und aus dieser Erde eine bessere Geschichte machen.
Maureen Ryan: Die Frage ist also - haben sie ihre Lektion gelernt?
Ron Moore: Genau. Die Serie konnte diese Frage nicht beantworten. Es kam mir für die Serie nicht richtig vor, wie bei vielen anderen Dingen, eine definitive Antwort zu geben. Genauso wenig wie die Serie eine Antwort zum Thema Terrorismus, den Irak, zu Sicherheit und Freiheit gegeben hat. Sie bringt einen soweit, dass man eine Möglichkeit und Hoffnung hat, aber man kann nicht sicher sagen, dass alles gut wird.
Maureen Ryan: Ich habe mir nochmal die letzten Szenen aus ''Crossraods, Teil 2'' angesehen, und das letzte Bild, das wir sehen, sieht sehr nach einem Planeten aus, der der Erde sehr ähnlich sieht. Wie passt das zu dem, was wir in ''Daybreak'' sehen? Können Sie mir das genau erklären?
Ron Moore: Das war sehr genau durchdacht. Der Planet, den Sie am Ende von ''Crossroads'' sehen, ist der Planet, auf dem wir jetzt stehen. Er beherbergt den Nordamerikanischen Kontinent, sowie den Südamerikanischen. Es ist sehr deutlich, wir wollten, dass jeder die Erde visuell sehr einfach identifizieren kann.
Tatsächlich bringt Kara die Menschen zu beiden Erden. Einmal zu der Original-Erde, bei der wir, so wie sie in der Folge ''Revelations'' gezeigt wurde, darauf geachtet haben, dass man die Landmassen aus dem Weltraum nie so recht identifizieren kann. Wir wollten, dass die Zuschauer den Planeten als Erde erkennen und die meisten Leute gingen auch davon aus, aber wir wollten die Leute auch nicht komplett in die Irre führen, also sollte es auch nicht wie Nordamerika aussehen.
Maureen Ryan: Kara war also auf der Erde. Auf der Original-Erde.
Ron Moore: Sie war auf dieser Erde, ja.
Maureen Ryan: Der gerösteten Erde.
Ron Moore: Sie hat die Flotte dorthin geführt. Sie bringt uns dorthin. Das ist ein Teil der Erfahrung, an die sie sich erinnert. Sie erinnert sich daran, dorthin gereist zu sein, diesen Ort gesehen zu haben, und dann kehrt sie zu der Flotte zurück und sagt, dass sie wisse, wie man dorthin komme.
Im Finale verbindet sie intuitiv die Musik mit den Koordinaten, gibt sie in den Computer ein und dann bringen uns diese Koordinaten zu der zweiten Erde, zu diesem Ort hier.
Maureen Ryan: Sie müssen zugeben, sie haben uns schon ein bisschen hinters Licht geführt.
Ron Moore: Ja, wir haben Ihnen den Kopf verdreht. Aber ich glaube, das liegt noch im Grenzbereich, ich denke nicht, dass das übertrieben irreführend war. Mit der Zeit akzeptiert man das sicher. Und natürlich wollten wir, dass die Leute erkennen, dass es diese Erde sein würde, aber wir haben nichts in die Serie geschrieben, das uns davon abgehalten hätte, das Finale so zu gestalten wie wir es wollen.
Maureen Ryan: Irgendjemand oder irgendetwas hat diese Geschehnisse so geschehen lassen. Und sie haben das absichtlich offen gelassen.
Ron Moore: Wir hatten das Gefühl, dass das Unendliche, das Göttliche, eine konkrete Terminologie nicht zulässt, von Natur aus nicht. Je mehr man versucht, genau auszudrücken, was es schlussendlich ist, desto weniger mysteriös, übernatürlich wird es. Und ich dachte, man kann nur so und so weit gehen. Man kann diese Präsenz anerkennen, man kann die Hand eines anderen anerkennen, und ich fand, dass die Serie das ungefähr so weit bequem zeigen konnte.
Das war seit der Miniserie in die Mythologie der Serie eingebettet, so dass das ein Teil der Serie werden musste, und auf dieser Ebene musste es auch ein zufriedenstellendes Ende haben, aber ich wollte nicht einfach einen bärtigen Mann im Himmel oder irgendetwas in der Art das aussprechen lassen. Ich wollte es einfach ein bisschen mysteriös lassen. Und wie bei so vielen Dingen sind die Fragen interessanter als die Antworten.
Wir wissen das irgendwie von Natur aus. Es wirkt, als wäre das ein roter Faden in der Mythologie, dass man das Göttliche nicht wirklich kennen kann. Man kann es erfahren, man kann es erleben, es können einem Dinge offenbart werden, aber man kann die Geheimnisse im Herzen dieser Sache nicht wirklich verstehen. Und je mehr man versucht, es zu definieren, desto weniger zufriedenstellend wird es. Wenn man erstmal so weit ist, dass man sich Gott als einen bärtigen Mann in den Wolken vorstellt, ist das alles kaum noch befriedigend.
Baltars Rede in der CIC ist ausschlaggebend - ''Es gibt hier noch eine andere Macht, wir alle haben sie gefühlt, wir haben ihre Auswirkungen gespürt, wir wissen, dass sie um uns herum ist, wir wissen, dass sie uns genau jetzt umgibt, und wir müssen Vertrauen haben und darauf vertrauen, dass sie hier ist und daran glauben, dass sie existiert, auch wenn man nicht versteht, was sie ist und welche Motivation sie hat, wenn sie eine Motivation hat.''
Maureen Ryan: Wie ich die Rückblenden verstanden habe, ging es darum, dass diese Menschen nach ihrem eigenen freien Willen wählen. Sie sind nicht nur Puppen an einem Faden.
Ron Moore: Ja, ich denke das stimmt. Das gehört zu den großen Widersprüchen unserer Existenz, sozusagen. Es gibt Dinge, die begleiten uns ein Leben lang und lassen uns glauben, dass es so etwas wie Schicksal gibt, so etwas wie eine Vorhersehung. Und gleichzeitig ist auch der Glaube daran stark, dass wir unseren freien Willen haben und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Diese beiden Theorien sind beinahe unvereinbar, es sei denn, man glaubt, dass es so eine Art Interaktion zwischen dem Schicksal und dem freien Willen gibt, die wir nicht genau erkennen können.
Es scheint, als gäbe es etwas gemeinsames, unsere Existenz betreffend, das uns dazu bringt, an beide Ideen sehr stark glauben zu wollen. Wir wollen glauben, dass wir ein Schicksal haben, dass es vorhergesehen war, dass wir bestimmte Menschen treffen, dass wir einen Seelenverwandten haben, dass manche Menschen dazu geboren werden, bestimmte Dinge zu erreichen, dass bestimmte Dinge dazu bestimmt sind, zu geschehen, dass das in den Sternen steht. Und doch glauben wir auch, dass wir einen freien Willen haben und selbst wählen und dass die Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, eine Bedeutung haben.
Maureen Ryan: Sollen wir die Head-Charaktere als Repräsentanten dieser Entität - die wir nicht unbedingt als gut oder böse definieren - ansehen?
Ron Moore: Ich glaube, zu den wenigen Dingen, die in der Serie von Anfang an klar gesagt wurden - Leoben sagt in der Folge ''Flesh and Bone'' aus der ersten Staffel, ''Wie lautet der erste Artikel des Vertrauens - ist das alles, was wir sind? Ist das alles, was ich bin? Ist da nicht noch irgendetwas?''' Und ich glaube immer noch, dass es ein wesentlicher Bestandteil der Menschheit ist, dass wir uns kontinuierlich fragen, ob das alles ist, was da existiert. Oder ob da noch mehr ist.
Die Serie konnte nur soweit gehen, dass sie aussagt, ''Ja, es gibt noch mehr, aber man versteht vielleicht nicht, was es ist. Es gibt da draußen etwas, und es ist etwas, das man berühren kann, und es kann das eigene Leben beeinflussen, aber es widersetzt sich Religionen und Ideologien und Dogmen. Aber da gibt es etwas''.
Maureen Ryan: Etwas, das sich aktiv einbringt.
Ron Moore: Ja, irgendwie sind wir damit verbunden.
Maureen Ryan: Haben Sie von Anfang an über diese Rückblenden nachgedacht, als sie angefangen haben, über das Finale nachzudenken?
Ron Moore: Die kamen erst ziemlich spät. Erst, als wir die Geschichte entwickelt haben, als wir überlegt haben, wie sie Hera retten sollen. Wir hatten eine generelle Vorstellung davon - dass die Galactica einen unmöglich zu gewinnenden Kampf gegen die zylonische Kolonie kämpfen würde, Hera irgendwie retten würde und dann, als das Schiff kurz davor ist, zerstört zu werden, gibt Kara die Noten von ''All along The Watchtower'' als Sprung-Koordinaten ein, die uns dann zur Erde bringen. Wir wussten, dass das die generelle Richtung sein würde.
Wir haben einen ganzen Tag damit verbracht, uns nur über den Plot Gedanken zu machen. Wie kann Lee landen? Wie bringen wir Kara mit rein? Welchen Korridor gehen sie entlang? Es ist frustrierend und nervig.
Als ich nach Hause ging, war ich nicht besonders glücklich. Ich duschte und in der Dusche hatte ich diese Eingebung - es ging nie um den Plot. Das Tolle an der Serie waren immer die Charaktere. Am nächsten Tag habe ich folgendes im Autorenraum an das Whiteboard geschrieben: ''It's the characters, stupid.'' [Ihr Idioten, es geht um die Charaktere.] Ich sagte, lasst uns einen Plot erstellen. Es wird einen Plot geben, er wird gut sein, wir haben das bisher noch immer geschafft, lasst uns darauf vertrauen. Und lasst uns überlegen, was wir mit diesen Charakteren anstellen wollen.
Ich sagte, dass ich ein paar Vorstellungen hätte, aber nicht wüsste, was ich mit ihnen anfangen soll. ''Ich stelle mir einen Mann in einem Haus vor, der versucht, mit einem Besen einen Vogel wegzujagen. Ich weiß nicht, wer er ist, aber ich mag diese Idee und es erscheint mit bedeutsam, also lasst es uns aufschreiben.''
Ich glaube, es war David Weddle, der von Rückblenden sprach oder darüber nachdachte, Teile aus dem Leben der Charaktere zu zeigen, die wir nicht gesehen haben. In einem Teil des Finales ging es in unseren Köpfen immer um Anfänge und Enden. Es war das Ende der Serie, das Ende der Galactica, der Beginn eines neuen Lebens auf der Erde.
Wir begannen, über die Miniserie zu reden und zu überlegen, wie die Charaktere angefangen haben, und wir sahen uns die ''Serien - Bibel'' an, die Hintergrundstories von Charakteren wie Laura enthält - ich habe die Geschichte mit dem betrunkenen Fahrer und ihren Schwestern da rein geschrieben, aber wir haben das nie benutzt. Wir begannen, über eine Struktur zu reden, die vier oder fünf Geschichten, in Rückblenden erzählt, beinhalten würde, und das sollte dann die eigentliche Geschichte im Vordergrund sein. Eigentlich ging es darum, wer diese Menschen wirklich waren und wie das ihr Ende beeinflusst hat. So dass man versteht, was aus ihnen geworden ist, indem man versteht, womit sie angefangen haben. All die Wege, die sie in den Rückblenden beschreiten, führen sie zu der Serie, und erzählen dem Zuschauer, wer sie am Ende waren.
Als wir das erst einmal hatten, ergab sich der Rest von alleine. Der Plot war ziemlich geradlinig, es war aufregend und wir haben viel Geld ausgegeben. Es würde viel Bang und Boom geben und wir haben einfach darauf vertraut, dass das alles funktionieren würde. Und dann kam eben noch hinzu, wer diese Leute in den Rückblenden sein würden und welche Geschichten wir erzählen wollen.
Maureen Ryan: Ich glaube, das hat der Entwicklung der Charaktere mehr Gewicht gegeben. Ich wurde ganz gefühlsduselig, als Baltar sagte, dass es nur um Ruhm ginge. Ich glaube, das hätte nicht die selbe Wirkung gehabt, wenn wir ihn nicht mit seinem Vater gesehen hätten.
Ron Moore: Er hatte schon vor der Miniserie eine Existenz. Die Miniserie positioniert ihn als den Charakter Gaius Baltar, ein millionenschweres Genie und ein Playboy. Aber niemand besteht nur daraus. Jeder Mensch ist komplex und hat eine Familie, durchlebt Krisen und Dramen und Dinge, für die sie sich schämen. Wir sahen das als eine Chance, Baltar ein bisschen genauer zu betrachten, und...naja, Sie wissen schon, er ist ein Mensch. Und das war auch seine Reise.
Maureen Ryan: Ich weiß, Sie lassen sich nicht davon beeinflussen, wie die Fans reagieren könnten, und dass sie das tun, was Sie für die Serie für richtig erachten, aber Karas Ende - sie verschwindet einfach so. Da wird es sicher viele Diskussionen drüber geben.
Ron Moore: Oh ja, das wird kontrovers diskutiert werden. Es wird Leute geben, die das absolut hassen und denken, dass wir versagt haben. Wir haben unter uns Autoren darüber diskutiert. Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich habe mehr oder weniger genauso geantwortet. Und je mehr ich mich darum bemühte, das zu definieren, desto weniger zufriedenstellend wurde es. Wir haben verschiedene Möglichkeit ausprobiert, haben gesagt, dass sie genau dieses oder jenes ist. Und jedes mal kam es mir uninteressant und umständlich herbeigeführt vor.
Ich hatte das Gefühl, dass wenn sie wirklich mit dem Göttlichen verbunden ist, wenn sie etwas mit seiner Macht zu tun hat, mit dieser anderen Entität im Universum, dann reicht es, dass man weiß, dass sie damit verbunden ist und ihr Schicksal erfüllt hat. Sie hat uns an diesen Ort geführt, zu den beiden Erden, ehrlich, das reicht. Das sollte der eigenen Fantasie überlassen werden, den eigenen Nachforschungen. Die Zuschauer müssen die Lücken füllen, die wir übrig gelassen haben. Das ist meine Antwort, und ich bin sicher - ich weiß - dass die Leute darüber diskutieren werden.
Maureen Ryan: Ich finde, dass es funktioniert hat, aber ich habe mich auch gefragt, ob sie die ganze Zeit über ein Head-Wesen war?
Ron Moore: Das ist eine legitime Herangehensweise. Wir haben darüber diskutiert, und man kann das durchaus so auffassen.
Maureen Ryan: Aber die Head-Wesen können nicht mit der normalen Welt interagieren, das trifft es also nicht genau.
Ron Moore: Es ist anders, es passt also auch nicht genau in diese Kategorie.
Quelle: Interview bei der Online-Ausgabe der Chicago Tribune
Weiterführende Links:
- Alle Maureen Ryan - Interviews
- Thread zur Folge "Daybreak, Part 2"
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